Es ist nicht einfach Opfer zu sein.

Manche haben es schon vermisst, die Posts zum Nachdenken. (Zumindest wenn man möchte)
Ich habe schon sehr viel über selbst Erlebtes und das von anderen erzählt. Um so etwas zu schreiben brauche ich aber immer die richtige Muse. Nicht immer fällt es einfach die richtigen Worte zu finden, weder wenn man total gut drauf ist noch wenn man am Boden ist. Es muss der richtige Moment sein, darum seht mir das bitte nach. Vor allem aber gilt meine Entschuldigung denen die diese Beiträge betreffen, die mir davon erzählt und mir geholfen haben und die vielleicht schon eine kleine Ewigkeit darauf warten.
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Opfer.
Dieses Wort wird einem sehr früh als böses Wort beigebracht, das erste was du bei einer Therapie lernst ist: Befreie dich von deiner Opferrolle!
Nun ist die Frage: Was bedeutet das?
Wenn du geschlagen, missbraucht und vergewaltigt wirst dann bist du Opfer auch wenn du kämpfst.
Schlimm oder verwerflich daran ist definitiv nicht Opfer, sondern Täter zu sein.
Nichts was du tust rechtfertigt eine Tat wie diese, egal wie du aussiehst, wie du dich kleidest oder wie du dich verhältst. Nein bleibt nein.
Etwas verstehen zu wollen heißt nicht immer es zu verstehen. Denn was Menschen wie diese mitmachen können nur ihresgleichen verstehen und das keinesfalls in einer abwertenden Art und Weise.
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Die meisten Menschen sehen in ihrem abendlichen Fernsehprogramm gerne Kriminalserien. In jeder zweiten Episode geht es darum was sie erlebt hatte. Nein, es handelte sich nicht um Morde oder Einbrüche, es handelte sich um Vergewaltigung und Misshandlung. Traurig und mit leeren Augen starrte sie auf das Bild das ihr Erlebtes immer wieder ins Gedächtnis rief. Selten hatte sie noch Tränen übrig, meistens entschied sie sich einen anderen Gedanken zu finden und nicht weiter darüber nach zu denken.
Es hatte lange genug gedauert es zu akzeptieren. So viele Therapiestunden um damit fertig zu werden. Doch immer wieder wird man daran erinnert, egal wie stark du bist diese dunkle Nacht wirst du niemals vergessen.
Du wirst dir die Schuld daran geben, obwohl du keine trägst. Menschen werden darüber Witze reißen, während du weinst, weil sie nichts wissen.
Ein einziger Mensch, ein einziger Mann hatte ihr ganzes Weltbild zerstört. Sie wagte es lange nicht mehr einem Mann in die Augen zu sehen, von Vertrauen war keine Rede mehr. Sie wollte nie mehr aus dem Haus, nur noch sie und sonst niemand und wenn sie hier sterben würde. Was soll’s.
Sie wollte nicht mehr schön sein, sie wollte nicht mehr essen, sie wollte niemand und nichts mehr sein.
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Irgendwann wurde ihr klar dass niemand ihr helfen konnte, außer sie selbst. Die Angst im Dunkeln hat sie bis heute nicht verloren, der Wunsch niemals aus dem Haus zu gehen ist nie verflogen. An manchen Abend sitzt ihr immer noch der Schock in den Knochen, sie zittert und weint. Alleine.
Ihre Angst sich zu öffnen wird von den Medien geschürt. Jahrelange Prozesse und doch steht da nur eine Aussage gegen eine andere. Hätte sie sich rechtzeitig untersuchen lassen, hätte das vielleicht geholfen, vielleicht hätte man aber auch nur gesagt sie wollte es so. Sie steht doch genau auf diese Art von Sex. Sie dachte sie kannte ihn, er wäre ein guter Bekannter, das brachte sie zum Schweigen. Bis heute. Obwohl sie bei der Polizei, Ärzten und Therapeuten war hatte sie den Namen nie erwähnt, nicht einmal gedacht. Er hatte ihr seine Macht gezeigt, die er in diesen Momenten über sie hatte und die sie immer noch spürte. Alles was er zerstört hatte, seelisch und körperlich, wird für immer unausgesprochen sein.
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Geistig dachte sie die Szenarien durch, von der ihre Freundin erzählt hatte. Ihre Gedanken strichen über die Momente im Gerichtssaal, durch welch Hölle sie gegangen war. Zwei Jahre hatte er bekommen, doch was hatte es geändert? Wenig. Was waren schon zwei Jahre dafür was sie und vielleicht auch andere Frauen wegen ihm durchgestanden hatten. Warum stand sie dort, als wäre sie selbst Schuld an allem, während er  bei jedem Angriff verteidigt wurde als ginge es um das Ende der Welt. Warum, ja das Frage ich mich wirklich, lachen wir darüber wenn wir die Ausrede von zu viel Alkohol in Talkshows hören, aber vor Gericht ist es wahrlich eine Entschuldigung? Warum werden die seelischen Schmerzen nicht anerkannt sondern heruntergemacht?
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Wo bleibt noch die Würde des Menschen und wer will sie noch respektieren.
Was ist schon gerecht, und was ist es nicht.
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Am Ende hast du nicht viel, du lagst am Boden, doch zerbrochen bist du nicht daran.
Vorbei ist es nicht. Du lebst, du hast gewonnen.
Was ein Sieg wie dieser auch immer bedeuten mag, und ob die Ironie in diesem Wort nicht jeglichen Rahmen sprengt.
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Veröffentlicht am 23. Oktober 2011, in Nachdenkliches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Für mich ist ein Opfer kein Opfer, denn für mich bedeutet das Wort Opfer, dass dieser Mensch, dem körperlich oder seelische Gewalt zugefügt wurde in der Rangliste unter Mensch angesehen wird. Ich will sagen, er wird kleiner gemacht.Dazu kann ich als Beispiel nennen, dass einmal ein Mensch zu mir im Streit, in dem es um seelische Gewalt ging sagte:"Opfer haben Opferpersönlichkeit".Es war ein Mensch, ein gelehrter Mensch, einer der einst schwor, stets Menschen zu helfen.Wenn bereits bei solchen Menschen, das Wort Opfer bewirkt, dass die Persönlichkeit jener geschändeter Menschen erniedrigt ist, wie soll ein solcher Mensch aus dem, was man ihm antat, je wieder herauskommen.Ich sagte diesem Menschen im Streit: "Täter haben Täterpersönlichkeit.Das empfinde ich auch heute noch als zutreffend. Und jene Menschen, denen Gewalt getan wurde, gehören in unsere schützende Mitte.

  2. Liebe Lexi,erst habe ich lange gewartet, weil ein Kommentar zu so einem Text immer sehr schwer ist, und dann konnte ich nicht schreiben. Aber ich möchte auf alle Fälle kundtun, dass ich Männer verachte die "Dinge" mit Frauen anstellen, die diese gar nicht wollen. Bei solchen Typen verliere ich sofort die Contenance und … ich habe mal jemanden in Flagranti erwischt. Widerlich – die Situation und was folgte war einfach … widerlich. Eine längere Geschichte.Das Bild, was Du Deinem Post angefügt hast, ist hart. Sehr hart und es weckt Emotionen. Soll es wohl auch; dennoch ist es brutal. Ist das sinnvoll? Ich weiß es nicht. Du wirst Dir etwas dabei gedacht haben. Ich grüße Dich sehr herzlich und hoffe, wünsche, dass Du tatsächlich nur für jemanden – für eine Andere – geschrieben hast. Nicht dass Du es machst wie ich – die dritte Person ist ja manchmal sehr hilfreich. Gerade für die dunklen Seiten – aber zu diesem Post (Tattoo) werde ich auch noch etwas schreiben. Was Du hoffentlich nicht als Drohung siehst ;-)LG,Ralph

  3. @AnonymDas ist wahr, ich denke nur dass man gewisse Dinge nicht an einem Wort wie "Opfer" festmachen kann. So geht das einfach nicht. Anstatt uns an so etwas festzumachen, wäre es besser füreinander da zu sein und uns zu helfen. Wenn möglich sogar Gewalt zu verhindern.@DarkJohannEs geht mir da ähnlich, Texte wie diese zu schreiben dauert seine Zeit und das ist auch gut so.Ich finde es schrecklich dass du so etwas gesehen (und hoffentlich eingegriffen bzw geholfen?) hast.Das Bild sollte aus vielen Gründen drastisch sein, ich habe eine ganze Weile gesucht um ein passendes zu finden. Frauen die so etwas miterlebt haben wissen warum das Bild passt. Nicht nur die Tat selbst ist schrecklich, sondern auch alles was es nach sich zieht bzw ziehen kann.Viele Dinge hier sind über mich, manche auch nicht, so genau weiß das wahrscheinlich nur ich.Solltest du mal über dein Erlebtes schreiben wolle, ich freue mich über jede Mail, den darüber sprechen/schreiben hilft oft sehr viel. Mir auf alle Fälle.

  4. dazu würde ich dir sehr gerne etwas schreiben, allerdings ist die kommentarfunktion da nicht so prächtig für. leider finde ich hier keine email von dir *such* wenn du magst, sende sie mir doch einfach. meine hast du ja nun. liebe grüße, sandra

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