Das Spätzchen

Wie viele Jahre waren wohl vergangen seit das Mädchen in diesem einsamen Kerker eingesperrt worden war? Sie war bereits zu einer jungen Frau herangewachsen, ihre Ketten legten sich tagtäglich fester an ihre Haut, der Hals schnürte sie enger und enger obwohl ihr Gewicht abnahm. Der Kontakt zur Außenwelt wurde ihr verwehrt, ihre bitteren Tränen waren schon vor Jahren versiegt.
Es war nur ein weiterer Tag in der Hölle, die Sonne strahlte durch einen kleinen Spalt in ihr Gefängnis aus dem es kein Entkommen gab, als ein kleiner Vogel hindurch direkt auf den kalten Boden stürzte. Das Tier blieb leblos liegen als sich das Mädchen langsam näherte. Vorsichtig strich sie dem kleinen Spatz über den warmen Körper und fühlte das kleine Herz fest in der Brust klopfen. Sie legte den Vogel auf ein Tuch das sie als Decke benutzte und wickelte ihn schließlich vorsichtig damit ein um ihm Wärme zu spenden.
Was machst du ausgerechnet hier mein kleiner Freund.
Sie blickte das Tier traurig an, als sie den letzten Rest ihres Brotes in kleine Stückchen brach.
Piep piep piep.
Wenige Tage vergingen bis das Vögelchen bereits wieder stehen und auf den Beinchen hopsen konnten. Das Mädchen saß in dieser Zeit stets neben dem kleinen tierischen Freund und erzählte ihm ihre Geschichte.
Es gab eine Zeit da war ich frei wie du. Sie zögerte kurz. Bist du frei?
Der Vogel neigte das Köpfchen und gab ein leises gurrendes Geräusch von sich, doch als er versuchte die Flügel auszubreiten zuckte er zusammen.
Piep piep piep.
Ein Klimpern der Kette an ihrem Fuß war zu hören.
Du kannst hier fort, und dieses Gefängnis verlassen. Du kannst.. es. Fliegen.
Still blickte sie zu Boden, als eine Träne über ihre Wange lief.
Der Spatz hüpfte an ihre Seite und stupste mit dem Köpfchen an ihre Hand während er die Flügel ausbreitete.
Du machst das für uns beide nicht wahr?
Mit einem traurigen Lächeln schob sie den Spatz durch den Spalt durch den er gekommen war.
Piep piep piep.
Wieder lief eine Träne über ihre Wange, gefolgt von einer weiteren, doch die Träne fiel durch den Boden hindurch und sie spürte einen kurzen Ruck bevor sie plötzlich ebenfalls durch den Boden fiel. Das Mädchen breitete ihre Arme, bereit wie der Vogel in die Freiheit zu fliegen doch der Schreck des endlosen Falls befreite sie letztendlich aus ihrem wahren Gefängnis.
Blitzartig riss sie die Augen auf und konzentrierte sich auf einen verschwommenen Umriss vor ihr. Als ihr Blick klarer wurde erkannte sie einen jungen Mann der an ihrem Bett saß und während Musik leise im Hintergrund spielte eine Geschichte aus einem handgeschriebenen Buch vorlas.
Noch bevor sie sich irgendwie bemerkbar machen konnte gab sie ein leises Glucksen von sich und Freudentränen kullerten über ihr Gesicht.
Um sie herum hörte sie Maschinen die sie noch vor wenigen Sekunden am Leben erhalten hatten.

Spatz

Veröffentlicht am 24. Januar 2014, in Gedankengewirr. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 6 Kommentare.

  1. Eine traurige, aber gleichzeitig auch echt schöne, bewegende Geschichte. Einfach unglaublich wie schön du schreiben kannst. Man kann bei jedem Wort mitfühlen, sich ganz auf das geschriebene konzentrieren und sich in diese Lage hinein versetzen.

    Dazu fällt mir etwas ganz gut passendes ein:

    These walls may hold my body captive,
    keeping me away from daylight,
    but my soul is attending every sunset.
    This is the hardest way there was to walk,
    but I walked my way, till the Tree of Freedom.

    Immer schön von dir zu lesen :)
    Raise up!

  2. Folge dem Spatz – walk on …
    LG

  3. @argunn20
    Vielen Dank für deine lieben Worte, ich bin immer glücklich wenn mein geschriebenes Wort so ankommt wie es gedacht ist. :) Am besten ist es eben doch über die Dinge zu schreiben die man erlebt hat oder fühlt.

    @Dark Johann
    Tue mein bestes, du aber auch. Ja? :)

    @Chris
    Danke :3

  4. I moch ma scho Sorgn um die Mausal gfreiat mi waunst di wieda moi mödst und wia ren kinan, bin imma fia di do. :-) A sche gschriebene Gschicht i denk drau wost ma domois erzöht host wia des woa… wiast duat woast sozusong. Guad dasd des hinta dia host und jetz weida noch voan schaun goi? ღ

    Bussal ღ hob di lieb

    • Das können wir gerne mal wieder machen, täte uns beiden sicher richtig gut! :) Und danke, nach vorne sehen ist das Ziel!

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